Ein öffentlicher Brief, der von über 500 Wissenschaftler*innen aus 30 Ländern unterzeichnet wurde, fordert die politischen Entscheidungsträger*innen auf, sich stärker mit dem wachsenden Risiko gesellschaftlicher Störungen und Zusammenbrüche aufgrund von Klima- und Umweltschäden zu beschäftigen. Die Unterzeichner*innen sind Spezialist*innen in verschiedenen Themenbereichen auf diesem Gebiet. Der Brief erschien in einer überarbeiteten Version am 7. Dezember 2020 in der englischen Zeitschrift The Guardian.

Nur wenn wir über den Kollaps diskutieren, können wir uns vorbereiten

„Als Wissenschaftler und Gelehrte aus aller Welt fordern wir die Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen auf, sich offen mit dem Risiko einer Beeinträchtigung oder gar eines Zusammenbruchs unserer Gesellschaften auseinanderzusetzen. Nachdem es uns fünf Jahre lang nicht gelungen ist, die Emissionen im Einklang mit dem Pariser Klimaabkommen zu reduzieren, müssen wir nun die Konsequenzen tragen.

Zwar sind mutige und faire Anstrengungen zur Senkung der Emissionen und zum natürlichen Kohlenstoffabbau unerlässlich, doch halten Forscher in vielen Bereichen den gesellschaftlichen Zusammenbruch inzwischen für ein glaubwürdiges Szenario in diesem Jahrhundert. Es gibt unterschiedliche Ansichten über den Ort, das Ausmaß, den Zeitpunkt, die Dauer und die Ursache von Beeinträchtigungen; aber die Art und Weise, wie moderne Gesellschaften Mensch und Natur ausbeuten, ist eine gemeinsame Sorge.

Nur wenn die politischen Entscheidungsträger beginnen, diese Bedrohung eines gesellschaftlichen Zusammenbruchs zu diskutieren, können Gemeinschaften und Nationen beginnen, sich darauf vorzubereiten und so die Wahrscheinlichkeit, Geschwindigkeit und Schwere des Zusammenbruchs sowie die Schäden für die Schwächsten und die Natur verringern.

Einige Streitkräfte sehen einen Kollaps bereits als ein ernstzunehmendes Szenario an, das Planung erfordert. Umfragen zeigen, dass viele Menschen jetzt einen gesellschaftlichen Zusammenbruch erwarten. Traurigerweise gehört der gesellschaftliche Zusammenbruch bereits zur Erfahrung oder sogar zur Erinnerung vieler Gemeinschaften im Globalen Süden. Das Thema wird jedoch in den Medien nicht gut dokumentiert und taucht in Diskursen in der Zivilgesellschaft und der Politik kaum auf.
Wenn in den Medien über einen potentiellen Kollaps berichtet wird, werden typischerweise Menschen zitiert, die die Diskussion über dieses Thema verurteilen. Spekulationen aufgrund schlechter Information, die sich z.B. auf ausländische Desinformationskampagnen beziehen oder auf Auswirkungen auf psychische Gesundheit und Motivation, unterstützen keine ernsthafte Auseinandersetzung. Vielmehr bergen sie die Gefahr, Tausende von AktivistInnen im Stich zu lassen, die gerade auch wegen eines erwarteten Kollapses motiviert sind, sich energisch für Veränderungen in den Bereichen Klima, Ökologie und soziale Gerechtigkeit einzusetzen.
Menschen, denen ökologische und humanitäre Themen am Herzen liegen, sollten nicht entmutigt werden, die Risiken einer gesellschaftlichen Beeinträchtigung oder eines Zusammenbruchs zu diskutieren. Das könnte dazu führen, dass diese Themen von Menschen vorangetrieben werden, die sich diesen Werten weniger verpflichtet fühlen.

Einige von uns glauben, dass ein Übergang zu einer neuen Gesellschaft möglich sein könnte. Das wird mutiges Handeln erfordern, um den Schaden für Klima, Natur und Gesellschaft zu verringern, einschließlich der Vorbereitung auf Beeinträchtigungen des täglichen Lebens. Wir sind uns einig darin, dass Bemühungen, die Diskussion über den Kollaps zu unterdrücken, die Möglichkeit dieses Übergangs behindern.

Wir haben erlebt, wie emotional herausfordernd es ist, den Schaden, der angerichtet wird, zu erkennen und die wachsende Bedrohung für unsere eigene Lebensweise wahrzunehmen. Wir kennen auch das große Gefühl der Gemeinschaft, das entstehen kann. Es ist an der Zeit, uns gegenseitig zu schwierigen Gesprächen einzuladen, damit wir unsere Mitschuld am Schaden reduzieren und das Beste aus einer turbulenten Zukunft machen können.

Als Privatpersonen unterzeichnet von: Professor Gesa Weyhenmeyer, Universität Uppsala; Professor Will Steffen, Australian National University; Professor Kai Chan, Hauptautor, Zwischenstaatliche wissenschaftspolitische Plattform für Biodiversität und Ökosystemleistungen; Professor Marjolein Visser, Université Libre de Bruxelles; Professor Olivier De Schutter, UN-Sonderberichterstatter für extreme Armut und Menschenrechte; Professor Yin Paradies, Deakin Universität; Professor Saskia Sassen, Columbia University; Dr. Ye Tao, Harvard University; Professor Aled Jones, Anglia Ruskin University; Professor Joy Carter, Winchester University; Professor Bobby Banerjee, Universität London; Professorin Lummina Horlings, Universität Groningen; Professor Pritam Singh, Universität Oxford; Professor Rupert Read, Universität von East Anglia; Dr. Peter Kalmus, Klimaforscher; Dr. Malika Virah-Sawmy, Humboldt-Universität zu Berlin; Dr. Yves Cochet, ehemaliger Umweltminister (Frankreich); Dr. Marie-Claire Pierret, Universität Straßburg; Dr. Wolfgang Knorr, Universität Lund; Hochwürden Dr. Frances Ward, St. Michael´s Church; Dr. Alessia Lo Porto-Lefebure, Schule für öffentliche Gesundheit (Frankreich); Dr. Emmanuel Prados, INRIA; Dr. Pablo Servigne, Autor; Dr. Gail Bradbrook, Extinction Rebellion“ (und über 220 anderen)

Die englische Version mit allen Unterschriftslisten, Referenzen und weiteren Links finden Sie hier:
http://iflas.blogspot.com/2020/12/international-scholars-warning-on.html
Übersetzung aus dem Englischen von Manfred Schnee