Die Grenzen moderner Gesellschaften: Vom Fortschrittsglauben zur Demut
von Norbert Prinz von Norbert Prinz
Die Kollapsforschung hat gezeigt, dass nahezu alle größeren Gesellschaften der Vergangenheit aus drei Hauptgründen zusammengebrochen sind: erstens aufgrund zunehmender sozialer Ungleichheit, zweitens durch die Übernutzung von Ressourcen und drittens wegen wachsender Komplexität. Diese drei Faktoren sind heute bereits in besonderem Maße ausgeprägt.
So bleibt nur die Hoffnung, dass wir klüger sind als die Menschen vor uns und diesem Trend noch entgegenwirken können. Diese Hoffnung wird allerdings selbst zum Problem. Als Chronozentrismus bezeichnet man die Tendenz, die eigene Zeit als überlegen anzusehen und Menschen früherer Epochen als weniger intelligent, aufgeklärt oder rational zu betrachten. Die Annahme, wir würden zwangsläufig klüger oder vernünftiger handeln als frühere Gesellschaften, könnte daher Ausdruck eines weitverbreiteten Denkfehlers sein.
Es gibt heute mehr frei verfügbares Wissen als je zuvor. Dennoch scheint uns die Fähigkeit zu fehlen, dieses Wissen sinnvoll zu integrieren und entsprechend weitsichtig sowie nachhaltig zu handeln. Dabei handelt es sich nicht um individuelles Versagen, sondern um ein strukturelles Problem. Wir unterliegen vielfältigen Systemzwängen, und der Kapitalismus zeigt immer wieder seine Fähigkeit, nahezu alles zu assimilieren – selbst die Kritik an ihm. Mir ist bislang kein Weg bekannt, wie wir dieser Dynamik unter den bestehenden Bedingungen wirksam entgegenwirken könnten.
Das stimmt wenig hoffnungsvoll, und ich möchte mir auch nicht anmaßen, die Realität schöner zu zeichnen, als sie ist, oder aus paternalistischer Fürsorge unbequeme Einsichten zurückzuhalten. Meiner Meinung nach geschieht dies bereits viel zu oft. Was würde passieren, wenn wir uns eingestehen, weniger flexibel und handlungsfähig zu sein, als wir gemeinhin annehmen? Was würde sich ändern, wenn wir unsere Begrenztheit anerkennen würden? Und was wäre so schlimm daran, in Würde zu scheitern?
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