Solidarisches Preppen und das Warten auf das Unausweichliche
von Norbert Prinz von Norbert Prinz
Seit fast sieben Jahren stelle ich mir die Frage, was ich angesichts der Polykrise und des drohenden gesellschaftlichen Kollapses tun kann. Einerseits habe ich ganz konkrete Szenarien vor Augen, die mir Angst machen und auf die ich mich vorbereiten möchte. Andererseits kann niemand die Frage beantworten, wann und wie dieser Kollaps genau stattfinden wird.
Die Erkenntnis, dass wir uns bereits jetzt im Kollaps befinden, dass dieser im globalen Süden schon heute spürbar ist und es sich dabei um einen längerfristigen Prozess handelt, schafft zwar ein gewisses Maß an Klarheit, lässt meine Frage aber weiterhin unbeantwortet. Ich harre also aus zwischen einem Empfinden unbedingter Dringlichkeit und etwas zugleich extrem Unkonkretem.
Das ist kein individuelles Phänomen. Viele Menschen empfinden Ähnliches, und doch bietet auch dieser Gedanke wenig Halt. Je näher die Katastrophe rückt, desto stärker wird sie von den meisten Menschen verdrängt. Es gibt also kaum etwas da draußen, das mein inneres Erleben widerspiegelt und mir als sozialem Wesen Sicherheit vermittelt.
Ich weiß, wie gut es tut, sich in Projekte zu stürzen, aktiv zu sein und sich als handlungsfähig zu erleben. Diese Möglichkeit der inneren Beruhigung nutze ich immer wieder. Ich stelle auch nicht infrage, dass in diesen Zeiten alles irgendwie sinnvoll ist, was Menschen miteinander verbindet und sie unabhängiger von staatlichen Strukturen und Lieferketten macht. Und trotzdem empfinde ich diese Leere und Unverbundenheit.
Als Gestalttherapeut weiß ich, dass Veränderung und Wachstum geschehen, wenn wir annehmen, was ist. Dieser Gedanke entlastet mich und gibt mir Bodenhaftung. Vielleicht ist Leben letztlich nur das Warten auf das Unausweichliche. Was wäre eigentlich so schlimm daran, wenn der Sinn des Lebens einfach darin bestünde, sich selbst und den umgebenden Lebensraum die Zeit bis zum Tod im Rahmen der eigenen Möglichkeiten so angenehm wie möglich zu gestalten? Was wäre, wenn es nichts zu erreichen gäbe, nichts, worüber man sich besonders aufregen müsste?
Diese Gedanken sind auch im Kontext des Kollapsdiskurses nicht neu. Immer wieder wird die Frage gestellt, inwieweit es noch sinnvoll ist, Hoffnung zu haben, und ob Hoffnung überhaupt ein angemessenes Konzept darstellt.(1) Bayo Akomolafe weist darauf hin, dass die Art und Weise, wie wir Probleme lösen, oft dieselben Muster reproduziert, die die Krisen überhaupt erst hervorgebracht haben.(2) Sollten wir deshalb auch eines unserer höchsten Ziele – die Erlangung von Handlungsfähigkeit – infrage stellen?
Wir scheinen in einem Teufelskreis ohne Ausweg festzustecken. Kann unter diesen Umständen der Verzicht auf Kontrollillusionen – oder, zugespitzt formuliert, das Warten auf den Tod – als politische Strategie verstanden werden?
Solidarisches Preppen (3) ist vielschichtig und erschöpft sich nach meinem Empfinden nicht in praktischer solidarischer Krisen- und Kollapsvorsorge. Es muss auch darum gehen, eine angemessene Geisteshaltung zu entwickeln, die uns im Sinne von Thomas Metzinger ein Scheitern in Würde ermöglicht.(4) Vieles wirkt angesichts des Kollapses widersprüchlich, und ich würde mir für mich und meine Mitmenschen wünschen, diesen Widersprüchen mit noch mehr Gleichmut und Gelassenheit begegnen zu können.
Quellen:
1. Thornton, S., Stratford, R. and Louverdis, E.(2026). The obscenity of hope: educating young people in the Anthropocene. https://www.tandfonline.com/doi/epdf/10.1080/17449642.2026.2645852?needAccess=true
2. SRF (2024). Wie wir aus dem Teufelskreis der Krisen herausfinden. https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/nachhaltiger-lebensstil-wie-wir-aus-dem-teufelskreis-der-krisen-herausfinden
3. klimakollaps.org (2023). Was ist Solidarisches Preppen? https://www.klimakollaps.org/ueber-uns/haeufige-fragen-faq/antworten-faq/was-ist-solidarisches-preppen
4. Metzinger, T. (2023/2024). Bewusstseinskultur. Spiritualität, intellektuelle Redlichkeit und die planetare Krise. Berlin: Piper Verlag.
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