Warum Kollapsvorsorge kein Aufgeben ist
von Norbert Prinz von Norbert Prinz
Ich beobachte, dass einerseits das Bewusstsein für die Möglichkeit eines gesellschaftlichen Zusammenbruchs in der Bevölkerung zunimmt. Dies zeigt sich beispielsweise in der medialen Berichterstattung. Andererseits entstehen nur wenige Initiativen, die sich konkret mit den absehbaren Folgen beschäftigen und entsprechende Vorbereitungen treffen. In direkten Gesprächen höre ich oft die Aussage: „Auch wenn die Chance noch so klein ist, den sozial-ökologischen Kollaps noch zu verhindern, halte ich es trotzdem für absolut notwendig, alles dafür zu tun.“ Vorbereitungen auf Worst-Case-Szenarien werden dabei häufig als eine Form des Aufgebens interpretiert.
Ich gehe davon aus, dass dieser Haltung in den meisten Fällen zwei Prämissen zugrunde liegen: Erstens die Annahme, ein sozial-ökologischer Zusammenbruch sei nicht gestaltbar, und zweitens die Vorstellung, es bleibe noch genügend Zeit, sich vorzubereiten, sobald die Anzeichen eindeutiger geworden sind.
Unabhängig davon, wie sich Kollapsszenarien entwickeln, handelt es sich dabei immer um Prozesse und niemals um singuläre Ereignisse, die abrupt eintreten. Insofern gibt es stets Handlungs- und Gestaltungsspielräume. Nach Einschätzung vieler Wissenschaftler*innen haben diese Prozesse längst begonnen, und zahlreiche Veränderungen sind bereits heute irreversibel. Sollten wir uns also tatsächlich schon in einem palliativen Stadium hinsichtlich der Zerstörung von Lebensräumen und gesellschaftlicher Stabilität befinden, wäre dies jedoch kein Grund, den Einsatz für soziale Gerechtigkeit und den Schutz der Umwelt aufzugeben. Im Gegenteil: Diese Kämpfe sind gerade jetzt wichtiger denn je.
Zum einen werden die Klimakrise und gesellschaftliche Zerfallsprozesse nicht alle Menschen gleichermaßen treffen, sondern insbesondere die Schwächsten unserer Gesellschaft. Zum anderen besitzt Leben denselben Wert – unabhängig davon, ob es noch hundert Jahre oder nur noch einen Tag andauert. Die Vorstellung, eine zusammenbrechende Welt sei grundsätzlich nicht mehr gestaltbar, kann daher als eine Form des Fatalismus verstanden werden.
Da gesellschaftliche Zusammenbrüche keine singulären Ereignisse, sondern Prozesse sind, lässt sich ihr Beginn selten eindeutig bestimmen. Häufig wird erst im Rückblick deutlich, dass sich eine Gesellschaft bereits über längere Zeit in einem Kollapsprozess befand. (1) Wir Menschen handeln meist intuitiv sind aber schlecht in der Lage, den genauen Zeitpunkt seines Eintretens zu bestimmen. Wir müssen daher an diesem Punkt der Wissenschaft vertrauen. Zahlreiche Studien und Modellierungen weisen darauf hin, dass wir uns bereits in einem Prozess befinden, der in den kommenden Jahren bis Jahrzehnten zu tiefgreifenden sozialen, ökologischen und ökonomischen Verwerfungen führt. (2)
Da die Vorbereitung auf einen möglichen Zusammenbruch nahezu alle Lebensbereiche betrifft, sind wir bereits jetzt viel zu spät dran, um unsere Gesellschaft umfassend darauf vorzubereiten. „Auf das Beste hoffen und auf das Schlimmste vorbereitet sein“ scheint eine Haltung zu sein, der kaum jemand widersprechen würde. Spätestens nach dem Hochwasser im Ahrtal erscheint die Hoffnung kaum noch haltbar, dass ein Großteil der Menschheit dann vernünftig und angemessen handelt, wenn die Katastrophe unmittelbar das eigene Leben betrifft.
Kollapsvorsorge ist anstrengend und aufwendig, weil es derzeit noch zu wenige Strukturen und Netzwerke gibt, in die man sich niedrigschwellig einbringen und Selbstwirksamkeit erleben kann. Sie setzt außerdem voraus, sich intensiv mit konkreten Worst-Case-Szenarien auseinanderzusetzen. Dies kann emotional sehr belastend sein.
Wer sich auf mögliche Zusammenbrüche vorbereitet, hat nicht aufgegeben. Aufgegeben hat vielmehr, wer die Zukunft – so katastrophal sie auch werden mag – dem Zufall überlässt. Während viele noch darüber diskutieren, ob Krisen und Zusammenbrüche überhaupt möglich sind, arbeiten andere längst daran, aus ihnen Profit zu schlagen, ihre Ideologien zu verbreiten und ihre Macht auszubauen. Wenn wir die Gestaltung der Zukunft nicht jenen überlassen wollen, müssen wir heute damit beginnen, eigene Antworten zu entwickeln.
Quellen:
1. Servigne, P., Stevens, R.(2022). Wie alles zusammenbrechen kann. Mandelbaum.
2. Nebel, A., Kling, A., Willamowski, R., Schell, T. (2023). Recalibration of limits to growth: An update of the World3 model. URL: https://www.researchgate.net/publication/375610074_Recalibration_of_limits_to_growth_An_update_of_the_World3_model
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