Wie mich die Beschäftigung mit dem Kollaps verändert hat – Selbstbeobachtungen eines „Doomers“

Wie die meisten es von meinem Berufsstand erwarten würden, nehme ich mich selbst auch gern zum Gegenstand meiner psychologischen Betrachtungen und Analysen und frage mich aus dieser Perspektive heraus, wie mich die nun fast siebenjährige Beschäftigung mit katastrophalen Zukunftsszenarien eigentlich verändert hat. Was mache ich heute anders als früher?
Ich gehe davon aus, dass die bewusste Auseinandersetzung mit Worst-Case-Szenarien hinsichtlich unserer Zukunft (prä-)traumatisch wirken kann und das Risiko besteht, dadurch ernsthaft psychisch zu erkranken.(1)

Interessanterweise scheint mir etwas, das mir immer sehr wichtig war, heute leichter zu gelingen – das Leben im Augenblick. Lebenskrisen und Erschütterungen scheinen diesen Prozess generell sehr gut zu beschleunigen, möglicherweise sogar wirksamer als spirituelle Praxis. Wobei die Verbindung von beidem sicherlich den Königsweg darstellt. Damit einhergehend beobachte ich, dass ich mich stärker über die kleinen Dinge freuen kann, insgesamt weniger Angst habe und dankbarer bin.

Früher habe ich oft über die Zukunft nachgedacht und darüber, wie ich mich und meine drei Kinder auch finanziell gut absichern kann. In meiner Lebenssituation, die oft prekär ist, war dies häufig belastend und erschien teilweise perspektivlos. Heute plane ich im Bewusstsein einer unausweichlichen Verschlechterung intuitiv eher in kürzeren Zeiträumen. Das fühlt sich oft wie eine innere Befreiung an.

„Ein System, das von Sorge, Angst, Versicherungen und permanenter Selbstoptimierung lebt, ist machtlos gegenüber Menschen, die sich ernsthaft keine Sorgen machen.“(2)

Auf der anderen Seite stelle ich mir oft die ganz großen philosophischen Fragen und betrachte mein Leben aus einer Metaperspektive. Auch dies hilft mir, mich emotional nicht zu sehr überfluten zu lassen.

Ich bin emotional keinesfalls „abgestumpft“, was man vielleicht vermuten würde, wenn man sich regelmäßig mit traumatischen Zukunftsvisionen beschäftigt. Im Gegenteil: Ich erlebe mich als gut schwingungsfähig. Ich bin häufig traurig über die Verluste und Veränderungen, aber diese Trauer fühlt sich leicht an und stürzt mich nicht mehr so sehr in tiefe Verzweiflung, wie ich es früher erlebt habe.

Auch mein Aktivismus hat sich verändert. Ich schaffe es besser, Grenzen zu setzen und die Ziele sowie Möglichkeiten meines Engagements realistischer zu betrachten. Ich beobachte in mir eine gute Balance zwischen Aktivität und Selbstwirksamkeit sowie zwischen Vertrauen und Gelassenheit.

Insgesamt scheine ich einen Weg gefunden zu haben, der es mir ermöglicht, psychisch gesund zu bleiben, ohne die schmerzlichen Aspekte der Realität verleugnen oder verdrängen zu müssen. Was mich allerdings weiterhin belastet und wofür ich noch keinen richtigen Umgang gefunden habe, ist die Tatsache, dass der Großteil der Menschheit so lebt, als könne irgendwie alles einfach weitergehen.

Welche Faktoren haben meinen Akzeptanzprozess positiv beeinflusst?

Die wichtigste Ressource waren zweifellos die Menschen und Begegnungen im Klima-Kollaps-Café. Sehr schnell habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich mit meinen Gefühlen und Ansichten nicht allein und vor allem nicht „verrückt“ bin. Diese Erfahrung deckt sich auch mit Erkenntnissen aus der psychologischen Traumaforschung: Der stärkste Schutzfaktor gegen die Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung ist ein Gefühl von Zugehörigkeit und sozialer Unterstützung. (3)

Es gibt weitere Faktoren, die ich für die vergleichsweise gute Verarbeitung meines Trauerprozesses verantwortlich mache. Insgesamt war dabei sicherlich ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Frustrationserfahrungen und Unterstützung in meiner Lebensgeschichte bedeutsam – ebenso wie die erfolgreiche Bewältigung früherer Lebenskrisen.

An dieser Stelle würde ich mir eine vertiefte Erforschung jener Faktoren wünschen, die zu einer positiven Verarbeitung beitragen.

Ich hoffe, dass meine Innenschau hilfreich sein und Mut machen kann, sich den schwierigen Gefühlen – wie Ohnmacht, Verzweiflung und Angst – zu stellen, die unweigerlich auftreten, wenn wir wirklich ehrlich in die Zukunft schauen.

Quellen:

(1) Prinz, N. (2024). Plädoyer für eine humanistische Kollapspsychologie. URL: https://www.klima-kollaps-kommunikation.de/beitraege/pladoyer-fur-eine-humanistische-kollapspsychologie

(2) Klein, E.,M. (2026). Der heilige Narr – Jesu Weg im Zeitalter des Kollaps. URL: https://commensales.de/blog/heiliger-narr-bergpredigt-kollaps.html


(3) Sifaki-Pistolla, D., Chatzea, V. E., Vlachaki, S. A., Melidoniotis, E., & Pistolla, G. (2017). Who is going to rescue the rescuers? Post-traumatic stress disorder among rescue workers operating in Greece during the European refugee crisis.SocialPsychiatry PsychiatricEpidemiology,52,45–54.

 

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