Wir sind nicht negativ genug
von Norbert Prinz von Norbert Prinz
Menschen gewichten negative Informationen stärker: Sie nehmen sie intensiver wahr, erinnern sich häufiger daran und messen ihnen mehr Bedeutung bei als positiven Informationen. In der Psychologie wird dieses Phänomen als Negativitätsbias beschrieben. Vielleicht erklärt das, warum sich viele Menschen in einer Art Negativitätstrance befinden.
Gleichzeitig neigen Menschen dazu, ihre eigene Zukunft positiver einzuschätzen, als es objektiv wahrscheinlich ist. Das wird als Optimismusbias oder Optimismusverzerrung bezeichnet.
Auf den ersten Blick scheint das widersprüchlich. Doch beides kann gleichzeitig bestehen: Wir können negative Informationen besonders stark wahrnehmen und trotzdem davon ausgehen, dass die wirklich schlimmen Folgen uns selbst wahrscheinlich nicht treffen werden. Negativitätsbias und Optimismusbias sind damit gewissermaßen zwei Seiten derselben Medaille.
Klimapsycholog*innen, Transformationsexpert*innen und Journalist*innen versuchen dieser Dynamik häufig entgegenzuwirken, indem sie die Kraft positiver Utopien beschwören. Sie ermutigen dazu, positive Zukunftsbilder zu entwickeln, Hoffnung zu erzeugen und sich eine wünschenswerte Zukunft vorzustellen.
Ich halte auch das für eine Form der Vermeidung.
Denn vielleicht brauchen wir nicht noch mehr unrealistische positive Utopien, sondern den Mut, die Realität so ehrlich wie möglich anzuschauen. Nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft, die unter den gegenwärtigen Bedingungen wahrscheinlich ist – selbst dann, wenn sie unangenehm, verstörend oder katastrophal ausfällt.
Wir sollten uns fragen: Was passiert, wenn wir nicht die bestmögliche Zukunft betrachten, sondern die wahrscheinlichste? Wie sieht eine Zukunft aus, in der unsere bisherigen Annahmen nicht aufgehen? Welche Konsequenzen hätte es, wenn sich Krisen verschärfen, Systeme versagen und mehrere Katastrophen gleichzeitig auftreten?
Klimapsycholog*innen, Transformationsexpert*innen und Journalist*innen sollten selbst den Mut haben, in diesen Abgrund zu schauen. Nicht, um Angst zu schüren, sondern um Angst ernst zu nehmen. Denn Ängste verschwinden nicht dadurch, dass wir sie mit positiven Zukunftsbildern überpflastern.
Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, eine unbequeme These ernst zu nehmen:
Wir sind nicht negativ genug.
Wir müssen die Realität und die zu erwartenden Zukunftsszenarien so realistisch wie möglich wahrnehmen. Nur dann können wir uns angemessen auf das vorbereiten, was vor uns liegt.
Denn solange wir uns immer wieder an die Hoffnung klammern, dass es schon irgendwie gut gehen wird, riskieren wir, von einer Katastrophe zur nächsten völlig unvorbereitet überrascht zu werden.
Realismus ist kein Pessimismus. Die Bereitschaft, in den Abgrund zu schauen, ist keine Kapitulation. Sie ist eine Voraussetzung dafür, überhaupt handlungsfähig zu werden.
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